Zwischen Glas und Stahl - Lehm
Manfred Fischer, in:
Reformatio, Nr.3-2002
Die "Kapelle der
Versöhnung" wurde am 9. November 2000 eingeweiht, dem 11. Jahrestag des
Falls der Berliner Mauer. Sie steht in Berlin im ehemaligen Todesstreifen -
errichtet über den Fundamenten der gesprengten alten
Versöhnungskirche. Pastor Fischer erzählt die Geschichte eines
unkonventionellen Kirchenbaus und seiner überraschenden Wirkung.
Zerstörung und
Spurensicherung
Jahrelang hatte die alte, neogothische
Versöhnungskirche einsam im Todesstreifen der Berliner Mauer allen
Maßnahmen zur Perfektionierung der Grenzanlagen getrotzt. 1985 wurde sie
gesprengt. Wir standen ohnmächtig vor dem Zerstörungswillen des
totalitären DDR-Regimes. Hier wurde uns - und den Journalisten, die aus
aller Welt herbeigeeilt waren, um den Fall des Kirchturms in Bild und Ton
festzuhalten - vor Augen geführt, dass wir nicht verhindern konnten, was
wenige Meter vor uns geschah. Das Bild vom fallenden Kirchturm hat sich uns
tief eingeprägt. Aus dem Stadtbild war ein 'Wahr-Zeichen' der Kirche
verschwunden. Vier (!) Jahre später war es die Mauer, die fiel. Der Ort
war wieder zugänglich. Die Wunde blieb. Nach und nach verschwanden die
Mauerspuren. Erst wurde der Stacheldraht 'eingerollt', endlich die
Betonelemente abtransportiert. Über die leere Fläche wuchs Gras,
durchzogen vom Betonband des einzig verbliebenen Mauerrestes, dem Postenweg.
Aber nach und nach entdeckten wir Relikte der alten Kirche. Zunächst das Abendmahlsgerät und die Taufschale, dann die alte Altarbibel. Die Glocken waren gerettet worden. Der Altar, in Teilen und beschädigt, wurde der Gemeinde zurückgegeben. Schließlich stellten wir fest, dass die Fundamente der alten Kirche noch im Boden erhalten waren.
In dieser Zeit versuchten wir der neuen
Lage gerecht zu werden. Wir engagierten uns für ein Bürgerbüro
zur Unterstützung von Maueropfern, für die Erhaltung eines Teils der
Mauer als Gedenkstätte. Wir organisierten im Gemeindehaus
Ost-West-Gesprächsrunden, Ausstellungen, Konzerte, ein breit angelegtes
Kulturangebot in Kooperation mit Bürgerinitiativen ... Wir waren Forum,
Markt der Möglichkeiten im überschäumenden Berlin nach der
Wende.
Doch, was war mit der freien Fläche der gesprengten Kirche?
"Wir müssen an den alten Ort zurückkehren", mitten zwischen die
beiden Teile der zerschnittenen Stadt. Das war die eine Position. Die andere:
"Was bekommen wir dort, was wir nicht schon haben?" - in unserem
Gemeindezentrum, das 1964 gegenüber der eingemauerten Kirche im Westen
errichtet worden war. Erste Vorschläge - ein 'City-Kloster', eine
'Blumen-Kirche' - erwiesen sich als nicht realisierbar. Aber gaben nicht die
aufgefundenen Relikte des Gotteshauses einen Hinweis? Sollten wir nicht an
dieser Stelle der Stadt wieder die Sakramente feiern und die Bibel lesen und
als Öffentlichkeitsarbeit die Glocken läuten? 1996 fiel der Entscheid
für diese Option. Und: es wurde kein multifunktionaler Raum
gewünscht, sondern ein Sakralbau. Mit einfachsten und sparsamsten Mitteln
sollten die Architekten diese Aufgabe lösen. Die noch erhaltenen Spuren
der alten Kirche waren zu bewahren, gemeinsam mit den Spuren der Mauer.
Der Baustoff Lehm
Es sollte vermieden werden, was allenthalben in Berlin
geschieht: dass das Überkommene Neuem weichen muss oder das Neue nichts
als ein Nachbau des Alten ist. Ein Bau im Respekt vor den Spuren, aber ohne
Rekonstruktion von Verlorenem wurde ins Auge gefasst. Bewusst sollte wegen der
stark gesunkenen Gemeindegliederzahlen nur eine kleine Kirche, eine Kapelle
gebaut werden. Bei der Ausführungsplanung aber entstand der Konflikt: Die
Architekten hatten die 'modernen' Materialien Beton und Glas vorgeschlagen. Das
akzeptierte die Gemeinde nicht. Sie wollte für ihre Kapelle nicht
dieselben Materialien, die bei den Berliner Geschäftsbauten zur Anwendung
kommen. Nicht nur in der Form, auch im Material sollte das Besondere sichtbar
werden. Die Kapelle sollte aus Lehm gebaut werden, aus Stampflehm. Die
Entscheidung für diesen vergessenen Baustoff hatte viele Gründe: Lehm
ist das 'nahe liegende' Baumaterial, 1830 gab es neben dem Kirchengelände
eine Lehmgrube. Lehm als gebrannter Ziegel, als roter oder gelber Backstein hat
Tradition in Berlin. Es ist der einheimische Baustoff.
Lehm kontrastiert
mit dem unzerstörbar scheinenden Stahlbeton des ehemaligen Mauerwalls. Er
ist verletzlicher, kann leicht beschädigt werden. Dafür ist das
Material aber nie gänzlich zerstörbar. Es kann unbegrenzt
wiederverwendet werden.
Lehm bedeutete für uns auch 'Heilerde' auf die
Wunden der Stadt. Das Auftragen von Lehmpackungen auf die Haut zu Heilzwecken
ist bekannt. War hier nicht auch eine Verletzung zu heilen, eine Verletzung an
der Erde und an der Seele der Stadt?
Lehm ist die Bauweise mit dem
geringsten Energieverbrauch - sowohl bei Herstellung und Transport des
Baustoffs als auch bei der Verarbeitung und Bauunterhaltung. Und da wir aus
Kostengründen auf eine Heizung verzichten mussten, sollten die
klimatischen Eigenschaften des Lehms helfen. Im Winter fühlt sich die
Kälte in Lehmbauten deutlich erträglicher an als die gemessene
Aussentemperatur.
Die Energie und das
Unplanbare
Es war ein Wagnis: Wir verliessen die Komfortnische
des Gemeindehauses und setzten uns dem rauhen Klima einer ungeheizten kleinen
Kapelle aus. Überraschenderweise kamen mehr Besucher in die Kapelle, auch
im Winter, als vorher in unseren gut geheizten Mehrzwecksaal. Was wie Armut
aussah und Verlust, erwies sich als Gewinn.
Wir haben das Erlebnis der vier
Jahreszeiten gewonnen, die Erfahrung, wie schön der Frühling ist,
wenn der Winter kalt war. Wir erleben, wie das ganze Kirchenjahr mit seinen
Ritualen, Lesungen, Liedern und Speisen oder Fastenzeiten auf das Klima
abgestimmt ist. Die sinnliche Seite des Kirchenjahres mit dem Wechsel von kalt
und warm, dunkel und hell erschliesst sich kaum, wenn man sich immer nur in
gleich temperierten und beleuchteten Räumen aufhält -Wohnung mit
Zentralheizung, Auto mit Standheizung, Einkaufscenter klimatisiert unter Glas -
und sich nur an den Dekorationen der Mall orientiert bei der Frage: Was ist
denn jetzt dran? Weihnachten oder Ostern?
Energie als Schlüsselthematik war
für uns beim Bau der Kapelle und bei der Materialwahl ein
Entscheidungskriterium. Bauen ist Eingreifen in die Schöpfung. Und ein
zentraler Punkt in der Schöpfungsdebatte ist die Frage: Wieviel Energie
verbrauchen wir? Und: Nutzen wir die Energie konstruktiv, schöpferisch?
Bei der Mischung des Lehms für die Kapellenwände wurde ein rauher
Zuschlagsstoff benötigt. Es ergab sich, dass wir die gebrochenen Steine
der alten Kirche, die beim Aushub für die Gründung zu Tage
gefördert wurden, wiederverwenden konnten. Mit destruktiver Energie war
eine Kirche zerstört worden, und sie gab uns das Material, das
Zerstörte in neuer Form wieder aufzubauen - dank konstruktiver Energie.
Diese 'Energiefrage' hat für die
Zukunft der Kirche eine entscheidende Bedeutung. Sie hat nichts zu tun mit der
Frage, ob wir Heizöl für unsere Kirchen bezahlen können.
Vielmehr mit der Frage: Aus welchen Quellen und aus welchen Energien lebt die
Kirche Jesu Christi? Wir erlebten die Kraft Gottes, die an uns wirkt und uns in
Bewegung bringt, als Energie, die nicht planbar ist. Der Vorgang der
Transformation der großen alten Versöhnungskirche in eine kleine
einzigartige Kapelle der Versöhnung hing nicht allein von unserm Willen
ab, auch wenn es immer wieder menschliche Planung in diesem Prozess gab.
Ein Ort, der beladen ist mit negativer Energie der Geschichte des 20.
Jahrhunderts verwandelte sich in einen Ort der Stille und des Gebets, nicht
weil wir wussten, wie wir bauen wollten. Weil wir die Kapelle aus unserer
Vorstellung heraus zu bauen versuchten, entdeckten wir erst, wie wir bauen
können. Die verschiedenen "Zufälle" wurden uns zu Zeichen, die uns
weiterführten. Bis hin zur Finanzierung, bis hin zum Namen, den uns die
Versöhnungskirche aus dem Jahr 1894 vorgab. Man könnte keinen
sinnvolleren Namen finden für die Kapelle und ihre Aufgabe für die
Stadt heute.
Besucherströme
Die Glocken werden von Hand geläutet, im freiwilligen
Einsatz von Gemeindegliedern. Sie stehen draußen im Freien auf dem
Kirchplatz. Dieser zeigt die Umrisse der alten Kirche, die viel
größere Ausmaße hatte, als die heutige Kapelle. Das Areal
gliedert sich in drei Räume. Besuchende müssen erst den Kirchplatz
und den Wandelgang durchschreiten, bis sie in den Kapellenraum eintreten
können. Das soll Abstand schaffen vom Lärm und Trubel der Stadt und
Besuchende verlangsamen. Insofern ist die Kapelle keine Kirche der 'niedrigen
Schwelle', wenn sie auch tagsüber geöffnet bleibt. Sie hat keinen
"easy access". Die Inhalte der Kirche sind weder "easy" noch "soft" noch
"fast". Die Botschaft ist oft hart und schwer verdaulich und wir müssen
uns ihr mit Respekt nähern und vor allen Dingen langsam. Und daher ist es
gut, wenn es Vor-Räume gibt und Schwellen.
Und trotz dieser Schwellen
findet die Kapelle großen Zuspruch. Nicht nur in Architektenkreisen.
Täglich halten Touristenbusse vor der Kapelle und bringen neue Besucher,
inzwischen 60 000 im Jahr. Wenn wir die Pforte öffnen, strömen
unablässig Leute. Gemeindekirche und Publikumskapelle stehen in Spannung
zueinander. Gäste und Gemeindeglieder haben unterschiedliche Erwartungen
an die Mitarbeiter. Aber zuweilen löst sich der Widerspruch auf. Suchende
Menschen finden das Gespräch und vielleicht den Glauben wieder, entdecken
einen Ort für Trauung oder Taufe, bringen ihre Freunde mit, kehren wieder.
Eine neue Gemeinde entsteht jenseits der Parochialgrenzen.
Und alte
Gemeindeglieder haben Freude daran, im Kapellendienst von ihrer Kirche zu
erzählen. Dass die Gemeinde in den Todesstreifen zurückgekehrt ist
und dass die Auseinandersetzung mit der Mauer an dieser Stelle möglich
ist, machen die Anziehungskraft des Ortes aus. Die Gemeinde fand für sich
einen Ort und bietet zugleich der Stadt einen Ort, der für ihre
Selbstfindung wichtig ist. Zwei Aspekte desselben Prozesses, die sich
ergänzen und unsere Gemeinde belebt haben.
Hat nicht der Heilige Franz von Assisi
etwas Ähnliches erfahren? Zunächst folgte er naiv seiner Eingebung:
"Stelle meine Kirche wieder her", und entdeckte im praktischen Vollzug des
Wiederaufbaus der kleinen Kapelle in San Damiano, dass dies ein Auftrag war,
der viel weiter reichte.
So kann achtsames Handeln, das nicht von Anfang an
auf die Wirkung schielt, zum glaubwürdigen Zeichen werden, zu einem
Kristallisationskern für Suchende. In einem Europa, in dem das Christentum
"verdampft", bildet sich da und dort ein religiöses "Feuchtklima", das, an
Kristallisationskernen sich "kondensierend", erneut christliche Gemeinschaften
entstehen lässt.
Erschienen in: Reformatio, Nr.3-2002, Theologischer Verlag Zürich, S. 190 ff .