Neubau einer
Kapelle der Versöhnung
im
ehemaligen Mauerstreifen / Berlin, Bernauer Straße
Pfarrer Manfred Richter, Leiter des
KUNSTDIENST DER EVANGELISCHEN KIRCHE
Im Berliner Dom am Lustgarten,
www.kunstdienst.de
in
KUNST+KIRCHE 63. Jahrgang Nr. 1/2000, Seite 45 und 46
Das Bild ging weltweit durch die Medien:
der nach Sprengung der Kirche durch die DDR-Grenztruppen stürzende Turm
der Versöhnungskirche - Januar 1985. Auf-recht stürzte er ab inmitten
des Todesstreifens. Es war der dramatische Abschluss - kurz vor deren Aufhebung
-der Geschichte der Ostabschließung und Westausschließung im
Zentrum Berlins, die gerade an dieser Stelle immer wieder spektakuläre
Tiefpunkte erfuhr. Jeweils neu blieben sie als Bilder für das Ganze des
Ost-West-Dramas im Gedächtnis haften:
In Verzweiflung aus den Etagen
der Häuserzeile auf der östlichen Straßenseite springende
Menschen, bis zuletzt im Kampf um ihre Freiheit - aber auch in den Tod; das
Zumauern von Fenstern und Türen; die Errichtung von Barrikaden und
Stachel-Drahtzaun, später Häuserabriss und Mauerbau;
Todesschüsse, Wachturm östlich, Aussichtsturm westlich ...
Die evangelische
Versöhnungsgemeinde an der Bernauerstraße verlor nun auch noch den
An-blick ihrer 1894 im mächtig wachsenden Industrie- und Arbeiterquartier
mit seinen enormen sozialen Problemen errichteten Kirche.
Er war ihr zwar
längst durch die Mauer verstellt, die aber trotzig vom Turm überragt
wurde, mit dem unversehrt segnenden Christus über dem Portal. Sie hatte
sich unweit auf der westlichen Straßenseite ein Zentrum errichtet,
"Bernauer 111". In ihm bildet, in Weiterführung der hier traditionell
starken kirchlichen Sozialarbeit, für die der Name der - westlich
abgerissenen! - "Schrippenkirche" stand, konsequent konzipierte
Öffentlichkeits-- und Gemeinwesenarbeit, mit Jugend- und Seniorenarbeit,
den Schwerpunkt: der Grafiker Rainer Just ist neben dem Pfarrer der einzige
voll-hauptamtliche Mitarbeiter.
Den Abriss der Kirche jenseits der Mauer hatte sie mit einer dreitägigen Trauerfeier begangen, der sie prophetisch, wie sich erwies, den Titel "Mauersprung" gab. Die Performance-Künstlerin Pauline Löffler tanzte mit der Gemeinde die "Bedrohung" weg; der Maler NIL Ausländer malte den Zyklus "Mauersprung" - er war im vergangenen Dezember wiederzusehen im Ausstellungsbereich der Volksbankzentrale in der "Daimler-City" bei der Vorstellung der neuen Bau-Pläne - und Pfarrer Manfred Fischer hielt auf dem Aussichtsturm an der Ackerstraße eine Mauerrede, die mit den Worten schloss: "Wir können etwas tun, und wenn wir auf Symbolhandlungen vertrauen, dann wissen wir, Symbole haben eine stille Kraft, Unmögliches zu verwandeln in Möglichkeiten". So gesagt zu Trinitatis 1986.
Vier Jahre später begann, erneut an
dieser Stelle, der offizielle Abriss der Berliner Mauer. Nicht schnell genug
freilich bedachte man - in der verständlichen Euphorie über den
möglich gewordenen Abbruch des "Schandmals" (Willy Brandt), dass das
Gedenken seine Stütze braucht. "Mauerspechte" waren von Anfang an am Werk.
Aber als - nach wechselvollen Beschlüssen auf unterschiedlichen Ebenen,
seit dem 13.August 1991, wobei auch Einsprüche der ev. Sophiengemeinde,
die dort ihre Gräber wusste, und des Lazarus-Diakonissenkranken-hauses, wo
nun die Feierabendschwestern erneut den Blick auf die Mauer fürchteten,
eine Rolle spielte - endlich die Bewahrung eines zusammenhängenden
Reststücks Mauer für eine mit dem Deutschen Historischen Museum
(Christoph Stölzl) geplante Mauer-Gedenkstätte getroffen war,
verstand noch das Stadtbauamt Mitte den Bestand zu minimieren. Die jetzt nach
Ausschreibungen gemäß Plänen von Kohlhoff & Kohlhoff - mit
Zustimmung der Sophiengemeinde - realisierte Gedenkstätte fasst - sehr zur
Kritik von Zeitzeugen und Betroffenen - lediglich 70 Meter Grenzstreifen
zwischen zwei seitlich polierten, spiegelnden Stahlwänden ein.
Die
Widmung lautet: "In Erinnerung an die Teilung der Stadt vom 13. August 1961
bis zum November 1989 und zum Gedenken an die Opfer kommunistischer
Gewaltherrschaft". Um so mehr betont die Vorsitzende des
Fördervereins; Gabriele Camphausen, die Unabdingbarkeit eines
begleitenden, notwendige Informationen aufbereitenden Dokumentationszentrums,
das man zeitweilig für überflüssig hielt, wodurch wiederum die
Erwartungen an das Mauerdenkmal überlastet wurden. Es ist aber nunmehr vom
Senat erneut in Planung genommen.
Ihren spezifischen Beitrag findet die
Gemeinde in der Errichtung einer "Kapelle der Versöhnung".
Alles an
der Planung ist beziehungsreich.
Kapelle - nicht Kirche. Die Gemeinde
trägt seit Langem vorausschauend der Verringerung an materiellen und
personellen Ressourcen der Kirche, zumal in Berlin, Rechnung. Die Privatheit
einer Kapelle, die hier der individuellen Besinnung von Menschen aus dem
Quartier oder der Stadt, wie der Besucher aus aller Welt angeboten wird,
verbindet sich schon durch den Ort mit öffentlichen Anliegen. Der Gemeinde
wird ihre alte Kirche, die ihr - was letztlich in übergreifenden
Schuldzusammenhängen zu sehen ist - längst genommen ist, zugleich
zurückgegeben und verweigert.
Verweigert, weil nur ein kleiner Teil
des Grundrisses wieder aufgebaut werden wird. Zurückgegeben gleichwohl,
weil dieser sichtbar gemacht wird und den Grund auch der Kapelle abgibt. Dazu
erhält sie Spolien der alten Kirche zurück: das abgebrochene
Turmkreuz, das "erhobenen Hauptes" auf dem abbrechenden Turm bis zuletzt ragte
und die wie durch ein Wunder erhaltene Christusstatue mit den ebenfalls
erhaltenen Stücken Taufschale, Abendmahlsgerät und Altarbibel (mit
Widmung der Kaiserin Auguste Viktoria).
Und im Eingang grüßen
jetzt die einst abtransportierten und wiedergefundenen Glocken auf ebenerdigem
Gestühl. Auch hier ein Verzicht, der auf einen neuen Turm. Zu Pfingsten
dieses Jahres (1999), zur Grundsteinlegung, nahmen sie das Geläut wieder
auf.
Die Neuorientierung ist auch in der neu-Orientierung zu finden. War die alte Kirche nicht geostet, sondern folgte einer gegebenen Straßenflucht als Abschluss, so wird es die Neue sein. Der erhaltene Altar wird geteilt: Das Retabel wird in einer Ausbuchtung stehen, die den alten Ort aufnimmt, während der Tisch in die Ostung zu stehen kommt. Die Kapelle ist bewusst auf nicht mehr als achtzig Personen ausgelegt - die kleiner werdende Gemeinde (sie hat heute ca. 2000 Glieder) soll dieses als Stärkung, als Ernstgenommensein, erfahren können, wenn sie die Gottesdienste dort feiert. Denn eine Heizung ist nicht vorgesehen - so wie dies in alter Zeit üblich war.
Dafür wird - in bewusster
ökologischer wie ökonomischer Verantwortlichkeit - ein Baumaterial
ältesten Datums verwendet, in dem uns vielfach die Bauten des Altertums
erhalten sind:
Lehm, gestampft. Hier hat sich Prof. Klaus Dierks und
Dipl.-Ing. Christoph Ziegert von der Technischen Universität Berlin mit
einem Forschungsprojekt engagiert, zusammen mit den Architekten Rudolf
Reitermann und Peter Sassenroth.
Die Haltekraft dieses Materials für
natürliche Wärme und für die Luftfeuchtigkeit wird sich
wohltuend auswirken. Umgeben wird die Kapelle von einem halboffenen Bereich in
leichter Holzbauweise, der zwischen "außen" und "innen" vermittelt,
zusätzlich die "Schwelle" obwohl bezeichnend wie absenkend. Schon der
Großteil des alten Grundrisses hilft dazu; denn der Neubau - Richtfest
soll zum 9. November, dem 10. Jahrestag des Mauerfalls sein - ist auf den alten
Apsisbereich konzentriert.
Das Projekt wird in der Gemeinde
begleitet von einer Vielzahl von Ausstellungen und Dokumentationen, in
verschiedenen Medien zur Gemeindegeschichte - aber diese lässt sich ja
gerade hier nicht von der Sozial- und Politikgeschichte des Jahrhunderts
trennen. So wurden vor zwei Jahren in einer Kunstaktion von Benita Joswig die
Türschwellen der hier einst errichteten, dann abgerissenen
Häuserblöcke freigelegt und eine "Rückkehr der Möbel"
inszeniert.
Und der Aufbau verbindet sich mit ökumenischen
Jugend-Baucamps. An diesem Ort wird sich nicht nur ein kirchliches, nicht nur
ein städtisches, nicht nur ein deutsches, es wird sich ein offenes Zeichen
für alle Welt befinden.