Text aus dem Katalog zur Ausstellung
E.-M.A. "Die Kapelle der Versöhnung wirkt so leicht, wie die Mauer fest war, ein kleiner Bau aus Lamellen, Lehm und Licht, oval wie ein Ei." (Susanne Kippenberger im Tagesspiegel vom 7.7.2001). Meinhard von Gerkan rangierte die Kapelle auf Platz zwei unter den seiner Meinung nach besten drei Neubauten Deutschlands (in: Die Welt vom 5.9.2001). Ein Kirchenneubau in Berlin an der Wende zurn 21. Jahrhundert ist hemerkenswert. Ein Kirchenneubau auf dem ehemaligen Todesstreifen, an der Bernauer Straße in Berlin-Wedding, ist Kirche und Mauer-Mahnmal zugleich. Eine Kapelle, wie sie von den jungen Architekten Reitermann und Sassenroth errichtet wurde, ist ein Glücksfall für die Nachwende-Architektur in Berlin.
Der neugotische Vorgängerbau von
1884 lag nach der Teilung Berlins unerreichbar auf dem Mauerstreifen. Noch 1985
sprengte die DDR die eingemauerte Kirche, um die Sicherheit im Grenzbereich zu
erhöhen.
Im Frühjahr 1996 wurden Künstler, Architekten und
Investoren zu einern Ideenwettbewerb gebeten, aus dem das junge Team siegreich
hervorging. In nur einem Jahr und für nur 1,9 Millionen DM entstand ein
Bau aus Lehm und Hotz, der seinesgleichen sucht. Ein archaisch schlichtes
Gebäude, gebildet aus einer Cella und einem Umgang oder eine Keimzelle,
bestehend aus Nukleus und Zellhaut. Das aus Naturmaterial errichtete,
doppelschalige Gebäude ist in seiner Einfachheit ein Verweilort: er dient
der Kontemplation.
Es ist ein Ort, der Emotionen zulässt, ohne erhaben
zu wirken. Nähert man sich dem Gebäude über den begrünten
Freiraum, so fühlt man die Distanz zur umgebenden Bebauung. Betritt man
den auf den Vorgängerbau ausgerichteten Umgang, dessen luftiges
Holzstabwerk das Licht flirrend ins Innere filtert, so stöß man auf
den massiven Kern aus Lehm, der aus der Achse des Mantels gedreht und geostet
ist. Der Altar liegt jedoch über dem Altar des Vorgängerbaus, so dass
die Überlagerung von zwei Zeitzonen spürbar in der Achs- und
Raumverschiebung der beiden Ovaloide wird.
Reliquienähnlich wird das
Altarbild der zerstörten Kirche in einer Raumnische aufbewahrt, und ein
Fenster im Kapellenboden gibt den Blick in die Vergangenheit frei, auf das
Fundament der alten Kirche. Der leichte, ja fast fragil wirkende
Baukörper, an dessen räumlicher Erfassung die Augen scheitern, ist
bestimmt von Einfachheit und Harmonie. Der Bau birgt nicht Funktionalität,
er ist Funktionalität. Er ist eines der besten Beispiele dafür dass
Architektur Sinn machen und zugleich schön sein kann.
Katalog zur Ausstellung
der Berlinischen Galerie:
"Fifty : Fifty" Gebaute und nicht gebaute
Architektur in Berlin 1990-2000; S. 66/67,
Ausstellung im Kunstforum der
Grundkreditbank; Budapester Str. 35;10787 Berlin, ; .