Tragender Stampflehm
Ein betonverwandtes Konglomerat
mit Vergangenheit und Zukunft
Auszüge aus:
Avak, R.; Goris, A. Stahlbeton Aktuell 2002, Berlin 2001
Autoren: Prof. Dr.-Ing. Klaus Dierks und
Dipl.-Ing. Christof Ziegert
Was haben Stampflehm und Beton gemein?
Vor der Antwort auf die Frage, was Stampflehm mit
Beton gemein hat, sollte vielleicht erklärt werden, warum denn
überhaupt eine Beschäftigung mit dem "doch vorgeschichtlichen
Lehmbau" für Bauingenieure zeitgemäß ist.
Nun, man muss zur
Kenntnis nehmen, dass nicht nur regenerative Energiegewinnung die Gemüter
bewegt, sondern dass auch energiearme Bauverfahren mit naturnahen, die
Behaglichkeit fördernden Baustoffen mehr und mehr gefragt sind. Das
zunehmende Interesse an dem Bauen mit Lehmbaustoffen hatte 1992 zur
Gründung eines Dachverbandes Lehm geführt. Der
Verband widmet sich der Wiederbelebung in Vergessenheit geratener
Lehmbautechnologien und betreibt ihre Weiterentwicklung hinsichtlich moderner
Anforderungen an Standsicherheit, Bauphysik und Wohnkomfort. Der Dachverband
Lehm hat Lehmbau Regeln herausgegeben, die in die beim Deutschen Institut
für Bautechnik geführte Musterliste der Technischen Baubestimmungen
aufgenommen wurden. Mit Ausnahme der Länder Bremen, Hamburg,
Niedersachsen, Saarland und Sachsen haben die übrigen Bundesländer
die Lehmbau Regeln bauaufsichtlich eingeführt. Der Lehmbau ist damit eine
anerkannte Bauart der Gegenwart.
In den Lehmbau Regeln werden drei Techniken für
das Errichten von tragenden Lehm-wänden behandelt:
- das Mauern mit
Lehmsteinen
- das Schütten von Stampflehm in eine Wandschalung mit
lagenweisem Verdichten durch Stampfen
- das Errichten von
Lehmwellerwänden durch freihändiges Aufsetzen einer schweren Mischung
aus Stroh und Lehm mit Gabeln in Lagen von etwa 80 cm Höhe, die
später fluchtgerecht mit einem Spaten abgestochen oder mit einem Beil
abgearbeitet werden. Diese früher weit verbreitete Technik wird nur noch
zur Instandsetzung und Ergänzung von historischen Lehmwellerwänden
verwendet.
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Bild 1) Fundamentbau Stahlbeton; 2) Fundamentbau; 3) Lehmmischung; 4) Stampflehmwand
Von den drei Techniken hat der Stampflehmbau eine
Affinität zu dem Betonbau.
Der Baustoff Stampflehm ist ein Gemisch aus
mehr oder weniger grobkörnigen Mineralen mit einem
verhältnismäßig kleinen Tonanteil. Der Tonanteil ist
hauptsächlich in Lehm enthalten, der aus natürlichen Lagern gewonnen
wird. Eventuell sind zusätzlich Tonzugaben erforderlich. In einem
verdichteten Stampflehm wirken die Tonpartikel als Bindemittel. Sie geben dem
Baustoff die Plastizität im feuchten Zustand und die Festigkeit nach der
Austrocknung. Die Bindefähigkeit des Tones beruht überwiegend auf
elektrostatischen Anziehungskräften. Die Bindung ist reversibel.
Der Tonanteil beträgt beim Stampflehm nur bis zu 15 % der Trockenmasse. Stampflehm ist wegen seines Korngerüstes aus Mineralen unterschiedlicher Körnung und der Tonbindung offensichtlich ein tongebundenes Konglomerat. Aufgrund der Wechselwirkung von Bindemittel und Zuschlag ähnlich wie bei dem zementgebundenen Konglomerat Beton zeigen Stampflehm und Beton auch ähnliche Bruchfiguren. Im Übrigen ist der Stampflehmbau eine monolithische Bauart wie der Ortbetonbau. Damit liegen die Gemeinsamkeiten von Stampflehm und Beton auf der Hand. Keiner anderen Bauart ist der an Schalungssysteme gebundene Stampflehmbau näher verwandt als dem Betonbau.
Sowohl aus technisch-wissenschaftlichem Interesse wie auch zur Vorbereitung auf mögliche Anforderungen der Baupraxis ist es daher nicht gar so abwegig wie es zunächst scheinen mag, den modernen Stampflehmbau in einem Almanach des Stahlbetonbaus vorzustellen.
Zur Geschichte des Stampflehmbaus